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Weimarer Sommerkurse 2001

Programm / Ablauf

Die 2. Weimarer Sommerkurse haben jungen Menschen aus verschiedenen Ländern, insbesondere aus der Balkan-Region, Gelegenheit gegeben, zwei Wochen lang gemeinsam Fragen der ökologisch, sozial und kulturell zukunftsfähigen Entwicklung Europas zu bearbeiten und ihre Visionen in Vorlesungen, Seminaren und praktischen Aktivitäten zu konkretisieren. Dazu wurden zwei parallele Kurse angeboten:

TeilnehmerInnen

Insgesamt nahmen 23 (überwiegend junge) Menschen aus 8 Ländern an den Kursen teil. Die meisten Teilnehmenden (13) kamen aus der Balkan-Region. Die jüngste Teilnehmerin war 17, der älteste 64 Jahre alt. Von der beruflichen Herkunft lag der Schwerpunkt auf StudentInnen, PromoventInnen und (Hochschul-) LehrerInnen. Hinsichtlich der vertretenen Nationalitäten ergab sich folgendes Bild:

ReferentInnen

Für die Kurse konnten mehrere renommierte ExpertInnen gewonnen werden. Über die einführenden Vorträge hinaus haben die ReferentInnen in der Regel noch zwei bis drei weitere Tage gemeinsam mit der Gruppe gearbeitet. Folgende ReferentInnen waren anwesend:

Einführung zu den Grundlagen nachhaltiger europäischer Entwicklung

Ulla Kalbfleisch-Kottsieper, Thüringer Staatskanzlei/Universität Jena (Perspektiven und Probleme der EU-Osterweiterung)
Dr. Hans Glauber, Öko-Institut Südtirol (Klima/nachhaltige Entwicklung)

Kurs A:

Prof. F. Voßkühler (Kunst und Moderne)
Prof. Gernot Böhme (Naturphilosophie)
Justus H. Ulbricht, Stiftung Weimarer Klassik (Philosophie Nietzsches)
Kursleiter: Dr. Frithjof Reinhardt

Kurs B:

Prof. Karl-Heinz Brodbeck, Würzburg (Buddhismus und Wirtschaftsethik)
Prof. Eckhard Freyer, Bonn/Merseburg (Globalisierung und Weltwirtschaftsethik)
Christian Kercher, Berlin (Projekt Oikocredit)
Joachim Fetzer, Institut für Wirtschaftsethik (Christliche Wirtschaftsethik, Ethikbörse EtonomIX)
Kursleiter: Thomas Ritschel

Zum Verlauf der Kurse

Einführung in die Grundlagen nachhaltiger europäischer Entwicklung

In zwei einführenden Vorträgen (gemeinsam für beide Kurse) wurden Probleme und Perspektiven einer nachhaltigen Entwicklung in Europa angesprochen und diskutiert. Zunächst gab Ulla Kalbfleisch-Kottsieper, Europaexpertin von der Thüringer Staatskanzlei und kurzfristig für den erkrankten Daniel Cohn-Bendit eingesprungen, eine Einführung in den Stand und die Perspektiven der EU-Osterweiterung. Bereits hier kamen in der anschließenden, teilweise sehr emotionalen Diskussion grundlegende Hoffnungen wie auch Ängste der osteuropäischen Teilnehmenden zum Ausdruck.

Am zweiten Tag vertiefte Dr. Hans Glauber, Leiter des Öko-Instituts Südtirol und 15 Jahre lang Veranstalter der "Toblacher Gespräche", das Thema Nachhaltigkeit an konkreten Feldern und praktischen Beispielen. Er verdeutlichte dabei insbesondere die Dramatik der Klima-Problematik und machte die Dringlichkeit zügigen Handelns klar. Im zweiten Teil seines Vortrages stellte er konkrete Beispiele für Alternativen im Energie- und Verkehrsbereich vor. Beide Themen lösten lebhafte und (wie sich später zeigte) bis zum Ende des Kurses anhaltende Diskussionen aus.

Kurs A: "Philosophie der Lebenskunst - Revolution der Lebensform"

Vor dem Hintergrund der philosophischen Landschaft Weimar-Jena gab der Philosophie-Kurs eine Einführung in aktuelle (westeuropäische) philosophische Diskussionen und trug in intensiver gemeinsamer Seminararbeit dazu bei, eigene Positionen zu entwickeln. Inhaltliche Schwerpunkte waren dabei u.a. Grundfragen der Natur-Philosophie, der Philosophie der Lebenskunst sowie der Philosophie Nietzsches.

Anhand des künstlerisch-ästhetischer Schaffens gab zunächst Prof. Voßkühler mit vielen Bildbeispielen eine sehr anschauliche Einführung in aktuelle Diskussionen um den Begriff der Moderne, wobei er schlüssig an die ersten Vorträge (Europa, Nachhaltigkeit) anknüpfte. Diese Verbindungen wurden danach von Prof. Böhme weiter vertieft, der ausgehend von der "klassischen" Naturphilosophie aktuelle Probleme und Entwicklungen der philosophischen Diskussion insbesondere im deutschsprachigen Raum thematisierte.

In der zweiten Kurswoche wurde - ausgehend von dem Begriff der Aufklärung - von Dr. Reinhardt in die Weimarer Klassik, die am Beginn der Moderne in Deutschland stand, eingeführt. Dabei wurde sie als facettenreicher Kommunikationsprozess um 1800 gefasst, in dem viele der aktuellen Probleme "in nuce" erstmals diskutiert wurden. Die vorangegangene Exkursion nach Jena, dem Zentrum des Deutschen Idealismus und der Frühromantik, hatte bereits anschaulich auf diese Thematik vorbereitet. Ebenfalls sehr anschaulich und anregend war die Einführung in die Philosophie Nietzsches durch Justus H. Ulbricht. Der Besuch der Nietzsche-Archivs in Weimar gab ein Einblick in das Leben dieses "ersten Kritikers des modernen Lebens".

Auf dringlichen Wunsch der Teilnehmenden wurde das Programm der beiden letzten Tage modifiziert und ein Besuch der Gedenkstätte Buchenwald sowie eine Diskussion der aktuellen politischen Situation in Makedonien zusätzlich in das Programm aufgenommen. Beide Veranstaltungen hinterließen unerwartet starke emotionale Eindrücke, insbesondere bei den Teilnehmenden aus der Balkan-Region. Das "Ersatzprogramm" erwies sich somit letztlich als großer Gewinn für den Kurs, weil Fragen wie der Umgang mit islamischen Extremisten (der UCK) oder die Problematik der ethnischen Säuberungen besonders von den Teilnehmenden aus der Balkan-Region permanent angesprochen worden waren. Hier konnte durch die Programmänderung zwar keine Klärung herbeigeführt, aber zumindest das Problembewusstsein geschärft wie auch die historische Einordnung entwickelt werden

Kurs B - "Beiträge der Religionen zu einer neuen Ethik in Ökonomie und Ökologie"

Zentrales Thema des interreligiösen Kurses war die Frage, wie eine neue Ethik angesichts immer globaler werdender Verflechtungen und ökologisch-sozialer Herausforderungen aussehen könnte und welche Rolle die Religionen hierbei spielen. Dabei wurden insbesondere entsprechende Ansätze in Buddhismus, Islam und Christentum diskutiert. VertreterInnen der jeweiligen Religionen kamen ebenso zu Wort wie Religionswissenschaftler und Philosophen.

Die ersten beiden Seminartage gestalteten die Wirtschaftswissenschaftler Prof. Freyer und Christian Kercher. Sie arbeiteten zunächst die wachsende Bedeutung einer Wirtschaftsethik im Globalisierungsprozess heraus und gaben erste Antworten auf mögliche Einflüsse der Religionen auf diesem Prozess. Als ein praktisches, bereits funktionierendes Beispiel in diesem Kontext wurde das Projekt "Oikocredit" vorgestellt; insbesondere diese praktische Präsentation stieß bei den TeilnehmerInnen auf starkes Interesse. Sehr große Resonanz fanden auch die Darstellungen von Prof. Brodbeck zur Rolle des Buddhismus im globalen Wirtschaftsprozess.

Im Mittelpunkt der zweiten Kurswoche stand zunächst eine Auseinandersetzung mit den Wurzeln christlicher Wirtschaftsethik und die praktische Arbeit an der Ethikbörse "EtoncomIX", die die Teilnehmenden auch über die ursprünglich dafür vorgesehene Zeit beschäftigte. Da U. Ucum, Experte für islamische Wirtschaftsethik, kurzfristig krankheitsbedingt absagte, musste das Kursprogramm geringfügig modifiziert werden. Kursleiter Thomas Ritschel gab auf Wunsch der Teilnehmenden eine detaillierte Einführung in den Islam; außerdem wurden (ebenfalls auf Wunsch der Teilnehmenden) ein Besuch der Gedenkstätte Buchenwald sowie eine Diskussion der aktuellen politischen Situation in Makedonien zusätzlich in das Programm aufgenommen (s.o.)

Begleitendes Kultur- und Exkursionsprogramm

Begleitend zu den Vorträgen und Seminaren fand ein umfangreiches Kultur- und Exkursionsprogramm statt. Dieses diente nicht nur der Förderung von Kontakten und der Kommunikation unter den KursteilnehmerInnen, sondern hatte auch einen direkten Bezug zum Thema der Sommerkurse. So dienten Exkursionen nach Jena und Erfurt, ein Besuch der Gedenkstätte Buchenwald und thematische Wanderungen durch die Weimarer Parks der Vertiefung der Kursinhalte.

Das Abendprogramm wurde außerdem gemeinsam mit der parallel stattfindenden Sommer-Akademie der Bauhaus-Universität veranstaltet, deren (interkulturelles) Motto "Back to Babel" dem Thema unserer Kurse recht nahe kam. So gab es u.a. ein begleitendes Filmprogramm, das von den Teilnehmenden rege genutzt wurde, verschiedene Konzerte und Diskussionsveranstaltungen.